Herzlich willkommen beim Büro für Stadtgeschichte

Sozialgeschichtliche Stadtführungen in Berlin-Schöneberg
Alltag und Verfolgung - Widerstand und Neubeginn - Das Bayerische Viertel 1900 bis heute


Das Bayerische Viertel

Schöneberg war 1906 eine eigenständige Gemeinde vor den Toren Berlins. Die Berliner Bau- und Bodengesellschaft von Georg Haberland nutzte die attraktive Lage und die gesunde Luft und errichtete in den folgenden Jahren ein Wohnviertel neuen Stils. Große Wohnungen, moderne Sanitäranlagen, lichte Höfe und Vorgärten waren charakteristisch. Weil Haberland bei der geschlossenen Planung und Bebauung zahlreiche Anleihen an fränkischer Architektur nahm, und viele Straßen nach Städten aus Bayern oder dem Alpenraum hießen, wurde das Quartier bald unter dem Namen »Bayerisches Viertel« bekannt. Wir zeigen Ihnen Stadtplanung, Zerstörung und das Alltagsleben aus hundert Jahren, architektonische Details, Wiederaufbau zwischen Marshallplan und Erinnerungspolitik.



Keine »jüdische Schweiz«

Viele Menschen jüdischen Glaubens oder solche, die nach 1933 als Juden verfolgt wurden, lebten im Bayerischen Viertel. Dabei ist die Rede von der »jüdischen Schweiz«, dem vermeintlichen Künstler- und Intellektuellenidyll trügerisch. Weder hatte Schöneberg den höchsten Anteil von Bewohnern jüdischen Glaubens in Berlin, noch waren alle Juden intellektuell und wohlhabend. Auf der Spurensuche in Archiven, Adressbüchern, Erinnerungen, Kleinanzeigen, Fotoalben, Zeitungen und Gerichtsakten sowie in den Straßen des Bayerischen Viertels finden wir ein anderes Bild: Koschere Metzgereien, jüdische Armenspeisungen, Handelsgehilfen und Dienstboten. Auch im Bayerischen Viertel gab es vor 1933 völkische Gewalttäter und Antisemiten, alltäglich und unübersehbar.



Verfolgung, Vernichtung, Neubeginn

Mit der Wahl Hitlers zum Reichskanzler begann die staatliche Verfolgung der Menschen, die das NS-Regime als »Juden« definierte. Rechtlosigkeit und Demütigungen zwangen viele zur Auswanderung. Privatleute und Staat eigneten sich ihr Vermögen an, Wohnungen im Bayerischen Viertel waren begehrt. Ab Herbst 1941 wurden die Berliner Juden deportiert und ermordet. Erinnerungsorte wie der Gedenkstein für die Synagoge in der Münchener Straße, Stolpersteine vor ehemaligen »Judenhäusern« oder die Gedenktafeln von Renata Stih und Frieder Schnock geben Anlass, die Verfolgungsbürokratie genauer anzusehen. Persönlicher Mut und »arische« Helfer ermöglichten Wenigen das Überleben. Aus ihrem Kreis entstand bald nach Kriegsende eine neue Jüdische Gemeinde zu Berlin.
Buchhandlung am Bayerischen Platz um 1920
Ausschnitt aus dem Bebauungsplan von 1904
»Stolpersteine« vor der Freisinger Straße 8